Interview mit Prof. Dr. G. Krönung, Chefarzt vom Shuntzentrum der DKD in Wiesbaden

Foto: Thomas Lehn führte das Interview

Foto: Prof. Dr. G. Krönung

Zunächst möchte ich Ihnen für Ihre Arbeit an Ihrer neuen Wirkungsstätte und Betätigungsfeld viel Glück, Geduld, gute Ideen und Erfolg wünschen.

Nun praktizieren Sie seit dem 1. April 2009 in der DKD in Wiesbaden und stellen Ihre langjährige Erfahrung dem Fachbereich Shuntchirurgie zur Verfügung. Über die Grenzen Deutschlands hinaus genießen Sie den Ruf einer „der besten Shuntchirurgen“ zu sein.

Th. Lehn

Ihre Wirkungsstätte war seit vielen Jahren in Ottweiler im Saarland. Nun haben Sie sich entschieden, ein neues Shunt-Kompetenzzentrum in Wiesbaden aufzubauen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Prof. G. Krönung

Ein wichtiger Punkt ist die geographisch günstige Lage in einem Ballungsraum. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Idee, ein Zentrum aufzubauen, in dem alle shuntchirurgischen Techniken angewandt werden und in dem ich mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben kann an jüngere Kollegen. Dies war an meiner alten Arbeitsstelle schwierig möglich.

Th. Lehn

Finden Sie hier in Wiesbaden die gleichen Vorrausetzungen und die Infrastruktur vor, wie Sie es im Saarland gehabt haben. (z.B. die CO2-Angiographie, die die Darstellung zentraler und peripherer Gefäße ohne nephrotoxisches Kontrastmittel ermöglicht. Diese ist aber nicht flächendeckend zugänglich. Sie bevorzugen für die Darstellung der Gefäße das CO2- Bildgebungsverfahren. Ist das in der DKD möglich?)

Prof. G. Krönung

Grundsätzlich ist die potentielle Infrastruktur in Wiesbaden natürlich besser, weil zentraler, auch wenn sie im Einzelnen Vieles neu installiert und strukturiert werden muss. Das mit der CO2-Phlebographie ist schon vor Ort realisiert. Ich sehe hier keine Probleme. Die CO2-Phlebographie habe ich in der Shuntchirurgie als präoperative Maßnahme bei jedem Patienten eingeführt, weil es die einzige Methode ist, die ohne Nebenwirkung, mit wenig Aufwand eine komplette gut dokumentierbare Landkarte der Armvenen des Patienten liefert, die über Jahre eine optimale Grundlage für eine nachhaltige Planung von Revisionen und Neuanlagen darstellt.

Th. Lehn

Meines Wissens gab es im Rhein-Main Gebiet keine Anlaufstelle für uns Patienten mit Problemshunts. Erstanlagen werden in dieser Region fast in jedem Krankenhaus, welches eine Gefäßabteilung hat, angelegt. Ich habe gelesen, dass es immer noch Nephrologen geben soll, die eben mal so, nach Feierabend, eine Shunt-Erstanlage beim Dialysepatienten anlegen versuchen. Die Experimente gehen schief, und wir Patienten sind die Leidtragenden. Ich erinnere mich, wie die Situation in den 70igern war, als Urologen, bzw. Nephrologen die Arteria Radialis mit vena cephalica im Unterarm zusammen nähten, wie es Cimino bzw, Brescia ihnen vormachte. Sie waren stolz, dass sie einen Weg fanden, um an das fließende Blut des Nierenkranken zu gelangen. Eine Alternative zum Scribnershunt war es allemal. Heutzutage ist die Shuntchirurgie doch mehr als nur mal zwei Blutgefäße zu verbinden. Man sollte diese Operationen den Fachleuten überlassen. Wie sehen Sie das?

Prof. G. Krönung

Das ist historisch nicht ganz korrekt, im Gegenteil: die Shuntchirurgie ist maßgeblich durch Nephrologen mitentwickelt und gestaltet worden. Ich darf nur an zwei bekannte Shuntchirurgen Prof. Brittinger und Dr. Konner im deutschen Sprachraum erinnern, die beide Nephrologen sind. Gute Shuntchirurgie ist weniger eine Frage der Fachrichtung als von Engagement und langjähriger Erfahrung. Entscheidend für den Shuntchirurgen ist die Substratkenntnis von Arterie und Vene und wie sich diese Gefäße nach einer Shunt-Operation und durch die wiederholte Punktion verändern, im englischen spricht man von dem sogenannten „Remodeling“ der Shuntvene. Dabei entwickelt die Shuntvene Erweiterungen und/oder Verengungen in fast beliebiger Kombination und Ausbildung. Das eventuelle Vorhersehen, Begleiten und Korrigieren dieser Veränderungen ist der zentrale Punkt der Shuntchirurgie. Auch hier leistet die schon erwähnte CO2-Phlebographie übrigens hervorragende Dienste.

Th. Lehn

Aus allen Teilen Deutschlands kommen die Patienten zu Ihnen, um ihre Lebensader von Ihnen revidiert zu bekommen. Man liest, Shuntchirurgie bedeutet Revisionschirurgie. Ihre hauptsächliche Aufgabe ist es wohl, wieder die Problemshunts zum Laufen zu bringen?

Prof. G. Krönung

Zunächst fängt eine gute Shuntchirurgie mit der präoperativen Diagnostik bei meinen Patienten immer einschließlich einer CO2-Phlebographie, einer überlegten und nachhaltigen Indikationsstellung und einer sorgfältigen, operativen Shuntanlage an. Hier kann man auch einiges Standardisieren. Sie haben aber recht, die Shuntrevision erfordert alle gefäßchirurgischen und zahlreiche shuntspezifische Techniken, langjährige Erfahrung und oft Einzelfallstrategien und ist häufig sehr zeitaufwendig.

Th. Lehn

Wie viele Shunt Operationen im Jahr streben Sie in Wiesbaden an?

Prof. G. Krönung

Im ersten Jahr ca. 600, die weitere Entwicklung ist nach oben offen.

Foto: Prof Krönung

..... mit seinen Patienten

Th. Lehn

Die komplexe, seriöse und erfolgreiche Shuntchirurgie ist nur durch eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Patienten, Nephrologen, Radiologen und Shuntchirurgen möglich. Wie halten Sie diese Zusammenarbeit?

Prof. G. Krönung

Der Dialog zwischen allen Beteiligten ist für die Shuntchirurgie typisch und essentiell. Dieser Diskurs muss jeden Tag aktuell, neu und intensiv gestaltet werden. Mit dem Patienten, dem Nephrologen, den Dialysepersonal, den interventionellen Radiologen, dem Anästhesisten, dem Kardiologen und den Kostenträgern.

Th. Lehn

Die Verwendung von zentralen Kathetern als Gefäßzugang für die Hämodialyse hat in den letzten Jahren zugenommen und die Anlage von AV-Shunts entsprechend abgenommen. Ich habe letztes Jahr, als ich in Los Angeles dialysiert habe, festgestellt, dass ca. 70% der Patienten die Hämodialyse mit einem Katheter als Gefäßzugang beginnen. Also in den USA werden nur 30 % der Dialysepatienten über einen Shunt dialysiert. Sehen Sie diesen Zustand auch hier in Deutschland auf uns zu kommen?

Prof. G. Krönung

Ich hoffe nicht. Das hängt von dem Engagement aller Beteiligten ab, ob man die Katheter auf die nicht vorhersehbaren Indikationen reduziert oder ob man sie meist aus Bequemlichkeit oder fehlender Möglichkeit einer akuten Shuntversorgung mit erweiteter Indikation anwendet.

Th. Lehn

Werden Sie in Ihrer Shunt-Klinik in Wiesbaden dafür sorgen, dass Sie Ihre Erfahrung und Ihre Methoden weiter an die nachkommenden Shuntchirurgen weitergeben?

Prof. G. Krönung

Wie eingangs erwähnt ist dies ein wichtiges Ziel meines Zentrums auch nach meinem Ausscheiden die Patientenversorgung kontinuierlich weiter zu gewährleisten.

Th. Lehn

Sie sind für viele Patienten ein Hoffnungsträger. Ausoperierte Patienten, die von anderen Zentren aufgegeben werden, erhalten einen zusätzlichen Joker, wenn sie zu Ihnen kommen. Das kommt meiner Meinung dadurch, weil Sie in den vergangenen Jahren genügend operative Erfahrung, gepaart mit Ihrem Können, Ausdauer und Phantasie, gesammelt haben. Wie sehen Sie das?

Prof. G. Krönung

Spaß an der handwerklichen Arbeit mit einem anspruchsvollen pathophysiologischen Konzept und die Herausforderung auch bei scheinbar ausgereizten Fällen durch gute Substratkenntnis und eine ausgefeilte Op-Technik noch eine Lösung zu finden und der zwangsläufig immer eher persönliche Umgang mit einem chronisch kranken Patienten oft über viele Jahr sind motivationsbestimmend.

Foto: Prof Krönung

..... beim Verbandswechsel

und persönlichen Gespräch

Th. Lehn

Sie schreiben Fachbücher, halten Vorträge, nehmen an Seminaren teil. Ihre wissenschaftlichen Berichte erscheinen regelmäßig in der Shunt-Ecke und anderen Fachzeitschriften, halten Gefäß-Sprechstunde und Sie stehen stundenlang im OP. Wie kompensieren Sie den Stress? Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, wie schöpfen Sie Kraft? Haben Sie denn noch Zeit für Ihre Familie?

Prof. G. Krönung

Der Stressfaktor ist umso geringer, je mehr Befriedigung in der Tätigkeit selbst und dem Erfolg liegt. Letztinstanzlich mit hohem Innovationsdruck Techniken im direkten Umgang mit Menschen anwenden und weiterentwickeln zu können ist eine privilegierte Tätigkeit in unserer Gesellschaft, wofür ich dankbar bin. Ich muss nicht viel kompensieren, habe aber natürlich viele Hobbies, zu denen ich gelegentlich komme.

Th. Lehn

Können Sie meinen Mitpatienten und den Lesern der Zeitschrift „der Nierenpatient“, die über eine Lebensader dialysieren, einen guten Ratschlag mit auf den Weg geben?

Prof. G. Krönung

Aktiv die Dialysetherapie mitgestalten und mitbestimmen. Möglichst viel über Shunts im allgemeinen und den eigenen Shunt im besonderen wissen. Die eigene Shuntentwicklung mitverfolgen. Warum interessieren sich so wenig Patienten für Ihre „Shuntmelodie“ und wissen was sie bedeutet? Warum gibt es so wenige Selbstpunktionen? Wenn es so ist, dass viele Shuntpatienten von Unerfahrenen gemacht werden, warum ist das so? Warum erkundigen sich nicht mehr Patienten wo man einen Shunt am besten machen lässt und fahren dann auch mal ein paar Kilometer weiter und setzen bei ihrer Krankenkasse eine Bezahlung, weil sinnvoll, durch? Eigene Aktivität und Engagement ist auch in der Shuntchirurgie die erste Grundlage für den Erfolg

Th. Lehn

Vielen Dank für das aufschlussreiche und interessante Interview. Ich hoffe, Ihnen gefällt Ihr neues Arbeitsumfeld, die Kollegen und Ihre neue Wirkungsstätte in der DKD in Wiesbaden. Ich bin mir sicher, dass Sie im Rhein-Maingebiet ein kompetentes Shuntchirurgiezentrum auf lange Sicht einrichten und etablieren werden. Sie können sich sicher sein, dass Sie sich in dieser Region auch privat wohlfühlen werden. Im Taunus und im Rheingau gibt es schöne Ausgangspunkte, um von der Arbeit auszuspannen und auch Kraft auftanken zu können. Ich denke , zu Ihnen nach Wiesbaden zu gelangen, ist für die Mehrzahl der Mitpatienten, die aus ganz Deutschland anreisen werden, mit weniger Problemen verbunden, als ins Saarland zu reisen.. Eine Patientin aus München, die von Ihnen (noch im Saarland und nun in Wiesbaden) operiert wurde, hatte ich gesprochen, und sie ist glücklich, dass Sie ihr helfen konnten. Sie sind schließlich für uns Patienten ein Lebensretter und Halt in letzter Not. Ich freue mich immer, wenn ich Sie als innovativen und menschlischen Shuntchirurgen für schwierige Fälle meinen Mitpatienten empfehlen kann.

Das Interview habe ich im Mai 2009 geführt.