Frage von einem Mitpatienten, Herrn K.-H.S.:

"Ich habe eine Frage: ich kenne jemand, der zwischen den Dialysen eine "Shuntkompression" durchführt. Das heißt er verwendet eine elastische Armkompresse um den Blutfluss zu verringern. Dies macht er aus 2 Gründen:
1. um die Herzbelastung durch hohen Blutfluss zu vermeiden (physikalisches Gesetz von Bernouille und Venturi)
2. um eine zu starke Shunterweiterung und zu hohen Blutfluss zu vermeiden.

Ich persönlich habe einen gleichmäßig sehr stark ausgebauten Shunt am Oberarm mit einem aktuellen Blutfluss von 2100-2400 ml/h, traue mich aber nicht, diese Shuntkompression durchzuführen, da ja überall in der Fachwelt dringend davor gewarnt wird, den Shunt mit Druck zu belasten."

Zu dieser Frage: zwei Expertenmeinungen

Dr. Frank Johnsen
Shuntzentrum Hamburg
an der Asklepios Klinik Barmbeck
Rübenkamp 220
22291 Hamburg

www.shuntzentrum-hamburg.de

Priv. Doz. Dr. med. Hans Scholz (Chefarzt)
Evangelisches Krankenhaus
Königin Elisabeth Herzberge gGmbH
Herzbergstraße 79,
10365 Berlin
http://www.keh-berlin.de/medizinische_abteilungen/
gefaesschirurgie/470.aspx

Dr. med. Frank Johnson

Ist die elastische Bandagierung des Shuntarms mit dem Ziel einer Blutflussregulierung sinnvoll? Zur Beantwortung ist es hilfreich sich einmal die Druckverhältnisse im Verlauf der Shunt-Vene zu verdeutlichen:

Direkt im Bereich der Anastomose (der Verbindungsstelle zwischen Schlagader und Vene) herrscht in der Shuntvene ein Druck, der dem Blutdruck entspricht, also ca. 130/80 mmHg (d.h. 130 mmHg während des Herzschlags und 80 mmHg während der Herzschlags-Pause). Dieser für eine Vene recht hohe Druck pflanzt sich aber nicht weiter in der Shuntvene fort! Denn der Abstrom des Blutes ist in der Shuntvene ist ohne nennenswerten Widerstand möglich, sodass der Blutdruck in der Shuntvene schon nach wenigen Zentimetern auf den normalen, niedrigen Venendruck abfällt. Dieser normale Venendruck verändert sich auch noch je nach Stellung des Arms: Bei herunterhängendem Arm ist der Venendruck ca. 30 mmHg, beim Anheben des Arms bis zur Horizontalen sinkt der Venendruck gegen Null und wird der Arm über den Kopf gehalten sinkt der Venendruck sogar noch weiter auf negative Werte. Dies kann man leicht daran erkennen, dass die Shuntvene dann vollständig kollabiert.
Diese Betrachtung zeigt, dass der Versuch einer Druck-und Flussregulierung mit einem komprimierenden Verband ein extremes Feingefühl voraussetzen würde – also praktisch unmöglich ist.

Entweder wäre die Bandagierung zu lose – also ineffektiv – oder aber zu stramm, was leicht einen Shunt-Verschluß provozieren könnte!
Von mir also ein klares Votum gegen jeglichen einengenden Verband!

Bei einem sehr hohen Shuntvolumen ist es sinnvoll eine Flussregulierung durchzuführen, um das Herz von unnötiger und schädlicher Mehrarbeit zu befreien. Dieses sollte aber keinesfalls mit einem Verband, sondern mit einer Drosselungs-Operation erfolgen. Hierbei werden die zumeist erweiterte Anastomose und die ersten 4-5 Zentimeter der Shuntvene wieder auf einen normalen Durchmesser reduziert und darduch das Shuntvolumen normalisiert.

Priv. Doz. Dr. med. Hans Scholz

Zunächst zur Fragen des sinnvollen Shuntflusses. Für eine stabile Langzeitfunktion einer arterialisierten Vene sollte der Fluss 300 - 500 ml/min und für ein arteriovenöses Protheseninterponat ca. 600 - 1000 ml/ min betragen. Ein Shuntfluss deutlich größer als 1000 ml/ min muss immer als potentiell gesundheitsschädigend gerwerten werden wegen der kardialen Belastung. Bei zu hohem Shuntfluss ist immer eine Flussreduktion zu empfehlen. Dies wird sehr unterschiedlich ausgeführt, Wir führen diese Operation routinemäßig wie folgt durch: das av-Gefäß wird langsam nahe der arteriellen Anastomose längerstreckig (ca. 2-3 cm) spindelförmig eingeengt durch fortlaufende Naht unter kontinuierlicher Messung des Blutflusses. Nach Erreichen des angestrebten Blutflusses wird dieses Gefäßsegment umscheidet mit Gefäßprothesenmaterial um einer erneuten Erweiterung vorzubeugen. In der Mehrzahl dieser Fälle ist zuvor eine anastomosennahe Kürzung und Einengung der Vene notwendig. Nachteil dieser sicheren Methode sind die technischen Voraussetzungen (Flussmessgerät) und der zeitliche Aufwand (ca. 2 Std.). Von der von Ihnen geschilderten Kompression des Shunts außerhalb der Dialyse zur Flussreduktion kann ich nur sehr dringend abraten, auch wenn sie in extremen Einzelfällen funktioniert. Das Problem besteht in der exakten Dosierung des Druckes auf den Shunt, was praktisch kaum möglich ist.

Ergänzung:Thomas Lehn:

Diese Bandagierung ist auf keinem Fall vom Patienten eigenständig durchzuführen, da man einen Shuntverschluss hervorrufen kann, wenn die Bandagierung zu fest ist. Bitte nur unter ärztlicher Aufsicht!